Auch in diesem Jahr wollen wir wieder eine kleine Rückschau über die Projekte des Runden Tisches für politische Bildung Lichtenberg machen.

Unser Themenschwerpunkt war dieses Jahr die Beschäftigung mit dem Widerstand von Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und umkämpfter Erinnerung im öffentlichen Raum. Denn obwohl etwa ein Drittel der Widerständigen gegen den NS Frauen unterschiedlicher Sozialisation und Weltanschauung waren, die sich an einer Reihe unterschiedlicher widerständiger Aktivitäten beteiligten, sind sie auch heute oft noch weniger bekannt als ihre männlichen Mitstreiter. Auch insgesamt lässt sich eine solche Tendenz bei Ehrungen im öffentlichen Raum feststellen, z.B. am Beispiel Straßennamen: das paritätische Verhältnis von männlichen und weiblichen durch Straßennamen Geehrten liegt in Lichtenberg noch bei 5:1. Manch ein Straßenname wird zudem heute kritisch gesehen. Das zeigt sich auch in dem 2021 erschienenen Dossier „Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin“, das vom Antisemitismusbeauftragten Berlins in Auftrag gegeben wurde und in dem auch zehn Straßen in Lichtenberg aufgeführt werden (mehr Infos hier). Im Bezirk Lichtenberg gibt es hierzu einen vielfältigen zivilgesellschaftlichen und politischen Diskurs, den der Runde Tisch für Politische Bildung in diesem Jahr mit verschiedenen Maßnahmen weiter begleitet hat.
So wurden im Rahmen einer Social Media Kampagne auf instagram (@licht_blicke_lichtenberg) und einer Postkartenreihe mehrere Frauen mit Lichtenberg-Bezug porträtiert, die sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus betätigt haben, sowie Orte, mit denen sie in Lichtenberg verbunden waren. Hierzu gehören Erna und Gerda Segal, Brunhilde Prelle, Gertrud Rosenmeyer, Rosa Kahn, Hertha Gordon-Walcher, Else Runge, Frieda Coppi, der Kaskelkiez, die Junker-Jörg-Straße 16 und die Hochschule für Wirtschaft und Technik (ehem. Hochschule für Ökonomie Berlin). Ausführliche Recherchen zu diesen widerständigen Frauen sowie den mit ihnen verbundenen Orten wurden auf der Webseite von Licht-Blicke veröffentlicht.
Weiterhin wurde das Bildungs-Material und Workshop-Konzept „An wen wollen wir erinnern? Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus und umkämpfte Erinnerung im Öffentlichen Raum“ veröffentlicht, das in der Arbeit mit Menschen ab ca. 15 Jahren eingesetzt werden kann und Arbeitsmaterialien zu Straßennamen mit antisemitischen Bezügen in Lichtenberg und zu widerständigen Frauen in Lichtenberg inkl. Quellenmaterialien enthält. Auch eine pädagogische Handreichung zur Arbeit mit den Materialien steht zur Verfügung, sowie eine thematische Lichtenberg-Karte im A2-Format, die umsonst bei Licht-Blicke bestellt werden kann und mit der im Workshop gearbeitet werden kann. Die Materialien wurden am 10.11.25 in einer Multiplikator*innen-Fortbildung im SIBUZ vorgestellt. Das Material wird mit großen Interesse im Bezirk aufgenommen.
Rund um den 80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus fanden zudem drei Stadtspaziergänge mit der Zeithistorikerin Trille-Schünke-Bettinger zu der Thematik in Karlshorst, in Hohenschönhausen und in Rummelsburg statt. Das Interesse war wie auch schon im letzten Jahr sehr groß. Für alle, die nicht dabei sein konnten, wurden ausführliche Dokumentationen veröffentlicht.
In der Geschichtswerkstatt „Erinnern heißt gestalten“ beschäftigten sich Jugendliche während der Sommerferien mit dem Widerstand von Frauen gegen den Nationalsozialismus im Fennpfuhl. Sie erarbeiteten eine Ausstellung und veranstalteten eine gut besuchte Kundgebung, auf der sie einen Raum für Erinnerung und Gedenken an mutige Menschen kreierten, die sich für die Menschenwürde aktiv eingesetzt haben. Symbolisch benannten sie den Grünstreifen in der Otto-Marquardt-Straße nach der antifaschistischen Widerstandskämpferin Aenne Saefkow. Camilla Schuler (Jugendstadträtin) und Bezirksbürgermeister Martin Schaefer hatten die Schirmpatenschaft für die Veranstaltung inne. Ihre Zusage, sich im Bezirk für die praktische Benennung des vorerst symbolisch benannten Platzes einzusetzen hat die Jugendlichen besonders gefreut. So kann wirksame Jugendpartizipation, die für das Lernen aus der Geschichte einsteht, im öffentlichen Raum sichtbar gemacht werden.
Über den Themenschwerpunkt hinaus gab es noch weitere Projekte.
Im zweitägigen Workshop „Meine Stimme zählt!“ wurden Teilnehmenden im Vorlauf der Bundestagswahl am 23.2.2025 in einfacher Sprache grundlegende Kenntnisse darüber vermittelt, was eine Wahl ist und wie diese abläuft. Ein inhaltlicher Fokus lag auf der Frage, welche Positionen die unterschiedlichen Parteien zum Thema Rechte von Behinderten vertreten. Abgerundet wurde der Workshop durch eine Stadtführung zur politischen Geschichte Deutschlands in Berlin-Mitte und einen Besuch des Bundestags. Hier findet sich ein kurzer Bericht.
In dem Projekt „Podcasten gegen Bedrohungen von Rechts in Hohenschönhausen“ haben Schüler*innen aus Hohenschönhausen in einem zweitägigen Workshop Techniken des Podcastens erlernt und sich mit den Themen extreme Rechte und Diskriminierung in Hohenschönhausen beschäftigt. Sie haben zu Vorfällen in ihrem Kiez recherchiert, sich intensiv mit der mutmaßlich extrem rechts motivierten Brandanschlagsserie in Hohenschönhausen beschäftigt, von Beratungsstellen, Initiativen und Personen erfahren, die sich gegen extrem rechte Bedrohungen im Kiez engagieren, Techniken zu Gesprächsführung erlernt, die Aufnahmetechnik kennengelernt, ein Skript für eine Mini-Podcast-Serie entwickelt und in zwei Folgeterminen in Kleingruppen eine dreiteilige
Mini-
Podcast-Serie „Stilles Feuer – Rechtsextreme Brandanschläge in Hohenschönhausen?“ selbst produziert. Diese ist nun auf der Licht-Blicke Webseite und bei Spotify abrufbar. Das Projekt wurde als Best-Practice Beispiel für Lernen durch Engagement beim Fachtreffen für schulische Prävention im SIBUZ gemeinsam mit der Oskar Freiwilligenagentur vorgestellt.
Bei einer weiteren Veranstaltung im SIBUZ wurde die vom Runden Tisch für Politische Bildung Lichtenberg geförderte Video on Demand Plattform von „Dreh`s um“ zusammen mit „Dreh`s um“ bei pädagogischen Fachkräften im Bezirk vorgestellt, sodass die Filme, die die Perspektiven vietdeutscher Jugendlicher stärken, vermehrt im Bereich der politischen Bildung im Bezirk Einsatz finden können.
Im Graphic Novel – Workshop „Zeich(n)en gegen das Vergessen“ der Historikerin Ellen Fischer und dem Comic-Zeichner Mikael Ross beschäftigten sich die Teilnehmenden mit Biografien von NS-Zwangsarbeitenden in Berlin-Lichtenberg. Der Workshop verband geschichtliches Lernen mit kreativer Praxis. Die Teilnehmenden entwickelten eigene Perspektiven auf das historische Material, brachten ihre persönlichen Fragen und Gedanken in die Arbeit ein und entwickelten daraus Graphic-Novel Zeichnungen, aus denen eine Ausstellung entstanden ist, die im Herbst in der Anton Saefkow Bibliothek gezeigt wurde und die einen konkreten Beitrag zur Stärkung der Erinnerungskultur im Stadtteil Lichtenberg und darüber hinaus leistet. Sie macht die Geschichte der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus nicht nur sichtbar, sondern vermittelt sie auf eine emotional und gestalterisch zugängliche Art. Das Projekt stärkt so die Fähigkeit zur Empathie und das Verständnis für historische Verantwortung.
Die Veranstaltung „Kennen deine Rechte im Asylverfahren“ richtete sich an Asylsuchende im Bezirk Lichtenberg. Das Interesse an der Veranstaltung war immens. Der Vortrag der Kontakt- und Beratungsstelle für Flüchtlinge und Migrant*innen wurde simultan auf 5 Sprachen verdolmetscht. Die Teilnehmenden konnten eigene Fragen einbringen und so zahlreiche für sie relevante Informationen einholen.
Auch für 2026 gibt es bereits zahlreiche Projektideen. Ein erstes Brainstorming zu Themen umfasst u.a. die Berlin Wahl 2026, weitere Projekte im Bereich historisch-politischer Bildung, KI, digitale Gewaltprävention, sowie extrem rechte Gewalt in der (Nach-)wendezeit.
2026 werden wir weiter den Austausch zwischen Akteur*innen anregen, die in Lichtenberg im Feld der politischen Bildung aktiv sind, gemeinsam Bedarfe der politischen Bildung im Bezirk identifizieren und in kollaborativen Prozessen entsprechende Maßnahmen entwickeln und umsetzen, die einen Beitrag zu menschenrechtsorientierten Angeboten der politischen Bildung im Bezirk bilden, ein solidarisches Miteinander in Lichtenberg und Hohenschönhausen fördern und zur Partizipation anregen.
Ein herzlicher Dank geht an alle Mitglieder des Runden Tisches für politische Bildung Lichtenberg, die durch ihr Engagement die Konzeption und Umsetzung der Projekte ermöglicht haben, an die zahlreichen Kooperationspartner*innen bei der Planung und Umsetzung der Veranstaltungen und Projekte, an alle aktiven und interessierten Lichtenberger*innen, die an den Veranstaltungen teilgenommen und sie durch ihre Perspektiven und Beiträge bereichert haben und nicht zuletzt an den Bezirk Lichtenberg und die Landeskommission Berlin gegen Gewalt, die über die Mittel der lokalen Gewaltprävention die Arbeit des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg ermöglichen.