An wen wollen wir erinnern? Recherchen

Kaskelkiez: Käthe Tucholla, Klara Tucholla, Helene Scheffler

Der Kaskelkiez war ein typisches Berliner Arbeiter:innenviertel. Hier lebten viele Vertreter:innen der Arbeiter:innenbewegung, darunter auch das Ehepaar Felix und Käthe Tucholla, geb. Scheffler (1910-1943). Beide wuchsen in dem Kiez auf und lernten sich über den Arbeitersportverein Fichte (ASV) kennen, in dem sie beide aktiv waren. Käthe Tucholla war leidenschaftliche Hockeyspielerin, Felix Tucholla spielte Fußball. Seit 1933 im Widerstand aktiv, wurden sie 1942 verhaftet und 1943 in Plötzensee ermordet. In der Türrschmidtstraße 17 lebte Klara Tucholla (1893-1978), eine Schwester von Felix Tucholla. Von Beruf Kinderkrankenschwester im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Lichtenberg, engagierte sie sich zusammen mit ihrem Bruder, ihrer Schwester Frieda Nielebock, geb. Tucholla und ihrer Schwägerin Käthe im Widerstand und vermittelte geheime Treffen. Ende Juli 1942 wurde Klara Tucholla wegen des Verdachts auf „Hochverrrat“ von der Gestapo festgenommen und erst für drei Monate im Polizeipräsidium am Alexanderplatz inhaftiert, anschließend für 4 Monate im Frauengefängnis Kantstraße Charlottenburg und im Gefängnis Moabit. Wegen Haftunfähigkeit kurzzeitig 1943 entlassen, wurde sie anschließend bis Ende April 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück festgehalten. Dort erlebte sie die Befreiung des Konzentrationslagers und kehrte anschließend schwer gezeichnet von der Haft nach Berlin zurück. Ihren Beruf konnte sie nicht mehr aufnehmen. Auch Käthe Tuchollas Eltern Alfred und Helene Scheffler, geb. Raepke (1884-1976) lebten im Kaskelkiez und betrieben eine Kneipe, in der sie auch Verfolgte auf Vermittlung ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns Verfolgte versteckten und sie mit Lebensmitteln versorgten.

Für die Ehrung Käthe Tuchollas setzte sich auch Hildegard Goerlich, geb. Feuchert (1916-?) als Leiterin des Deutschen Demokratischen Frauenbundes in Weißensee ein. Die Arbeitersportlerin und Jungkommunistin lebte Mitte der 1930er Jahre in Neukölln und Hohenschönhausen. Seit 1939 mit ihrem Mann verheiratet, bekam sie mit ihm drei Kinder, zwei noch in der NS-Zeit. Goerlich engagierte sich seit 1933 im Widerstand in verschiedenen Gruppen durch das Weiterleiten von Briefen und die Beschaffung von Quartieren für Verfolgte. Über die Zeit nach der Machtübertragung berichtete sie in einem Zeitzeuginnengespräch mit ihrer Schwester Käte Schmid, geb. Feuchert: „Als die Nazis an die Macht kamen, da mussten wir raus aus den Turnhallen. Wir haben noch versucht, die Geräte rauszuschaffen. Zusammen mit einem Fichtesportler habe ich als Liebespaar getarnt draussen Schmiere gestanden. Wir haben uns weiter illegal getroffen und versucht, in bürgerlichen Sportvereinen unterzuschlüpfen. Zur konspirativen Arbeit haben wir Dreiergruppen gebildet.“[1]

Die Verbindung über den Sport stellte auch in der NS-Zeit eine gute Möglichkeit, sich unauffälliger zu treffen. Insbesondere der ASV Fichte stellte sich schon vor der Machtübernahme der Nazis auf die Zeit der kommenden Illegalität ein. So wurden Mitgliederlisten fast vollständig zerstört. Dadurch konnten einige Abteilungen nach der Machtübernahme in bürgerliche Sportvereine, die nicht verboten wurden, übertreten.

Quellen:

  • Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Friedrichshain und Lichtenberg. Berlin 1998.
  • Hans-Rainer Sandvoß: Die „andere“ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945. Berlin 2007.

[1] Zit. nach. Claudia von Gélieu: Wegweisende Neuköllnerinnen. Von der Britzer Prinzessin zur ersten Stadträtin. Berlin 1998. S. 197.

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit der Zeithistorikerin Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume). 

Text & Recherche: Trille Schünke-Bettinger

Grafik: Fritzi Jarmatz 

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