An wen wollen wir erinnern? Recherchen

Else Runge, geb. Hoffmann – Stenotypistin, Arbeitersportlerin, Kommunistin

11. Juli 1903 in Posen (Polen) – 10. August 1972 in Ost-Berlin

Versteckte Verfolgte in ihrer Wohnung in der Junker-Jörg-Straße 16 und stellte ihre Wohnung für geheime Treffen zur Verfügung.

Ja, ich weiß genau, dass Martin (Franz Jacob) zu dieser Zeit Pfeife rauchte, denn sie fiel mir noch rechtzeitig ins Auge. Sein Aufenthalt bei uns war bestimmt nicht länger als eine Woche und die Genossen müssen in großer Not wegen der Unterkunft gewesen sein, da unser Haus ausschließlich von Nazis bewohnt war, die sowieso ein Auge auf uns geworfen hatten, an der Tür horchten und uns schon wegen Hören von Feindsendungen angeschwärzt hatten.[1]

In der Junker-Jörg-Straße 16 in Karlshorst lebte die Stenotypistin, Arbeitersportlerin und Kommunistin Else (eigentlich Elsa) Runge, geb. Hoffmann (1903-1972) mit ihrem Mann Kurt und ihrer Tochter Hildegard, die 1932 geboren wurde. Ihr Mann, mit dem sie seit 1925 verheiratet war, wurde 1941 als Sanitäter in Italien eingezogen und unterstützte dort italienische Partisan*innen mit Waffen und Verbandsmaterial. Seit 1940 arbeitete Else Runge als Angestellte in den Pertrix-Werken in Oberschöneweide und gründete dort mit Kollegen eine Widerstandsgruppe. In den Pertrix-Werken wurden Batterien für die Wehrmacht hergestellt. Sie übermittelte Nachrichten an französische Kriegsgefangene, die als Zwangsarbeiter bei Pertrix eingesetzt wurden.

In ihrer Wohnung in der Junker-Jörg-Straße fanden geheime Treffen der Widerstandsgruppe mit anderen Widerständigen statt. Die Treffen sicherte ihre kleine Tochter Hildegard ab, indem sie die Gegend beobachtete und „Schmiere“ stand, wie Ursel Hochmuth, Tochter von der Hamburger Widerstandskämpferin Katharina Jacob (1907-1989), in einem Buch über die Widerstandsgruppe Saefkow-Jacob-Bästlein schrieb. Runge versteckte auch Verfolgte in ihrer Wohnung, darunter den kommunistischen Funktionär Franz Jacob, Ehemann von Katharina Jacob. Als eine nicht eingeweihte Verwandte spontan auftauchte, versteckte Hildegard Franz Jacob schnell in einem anderen Zimmer. Während ihre Kollegen aus der Widerstandsgruppe in den Pertrix-Werken im Sommer 1944 verhaftet wurden, blieben Else Runges Tätigkeiten unbekannt. Bis Kriegsende unterstützte sie Verfolgte. Nach Kriegsende zog Else Runge mit ihrer Familie um, da Karlshorst von der sowjetischen Armee besetzt wurde.

Sie arbeitete nach dem Krieg als Sachbearbeiterin für das Zentralkomitee der SED, verließ aber die Partei, weil sie mit den Entwicklungen in der DDR nicht einverstanden war und arbeitete ab 1961 als Sachbearbeiterin in einem Volksbetrieb zur Herstellung von Hochspannungsgeräten und Kabeln in Karlshorst. Zuletzt lebte sie in Hönow und engagierte sich im Deutschen Demokratischen Frauenbund.

Mit dem französischen Offizier Robert Tuloup, welcher als Kriegsgefanger bei Pertrix Zwangsarbeit leisten musste und den Else Runge unterstützte, hielt der Kontakt auch nach Kriegsende an. Mit seiner Frau, einer ehemaligen Kollegin von Else Runge bei Pertrix, war er nach Kriegsende zurück nach Frankreich gegangen, besuchte aber die Runges mehrfach.

Eine Erinnerung im öffentlichen Raum an Else Runge gibt es bisher nicht.

Quellen:

  • Ursel Hochmuth (1998): Illegale KPD und Bewegung „Freies Deutschland“ in Berlin und Brandenburg 1942-1945. Biographien und Zeugnisse aus der Widerstandsorganisation um Saefkow, Jacob und Bästlein. Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Reihe A: Analysen und Darstellungen. Hrsg. von Peter Steinbach und Johannes Tuchel. Berlin.
  • Nachlass von Ursel Hochmuth im Bundesarchiv, NY 4325/34

[1] Hildegard Baumann, geb. Runge in einem Brief an Ursel Hochmuth am 5.12.1994, Bundesarchiv NY4325/34

Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit der Zeithistorikerin Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume). 

Text & Recherche: Trille Schünke-Bettinger

Grafik: Fritzi Jarmatz 

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