9. August 1894 in Königsberg – 27. Dezember 1990 in Berlin
Lebte ab 1946 bis zu ihrem Tod in Hohenschönhausen, ist bestattet in der Grabanlage Pergolenweg auf dem Friedhof Friedrichsfelde

„Zwei Verbindungen bin ich eingegangen im Leben. Die zur Partei und die zu Jacob. Beide brachten mehr als genug Enttäuschung und Schmerz. Und beide waren unlösbar.“ [1]
Hertha Gordon stammte aus einer jüdischen Familie und wuchs in ihrer Geburtsstadt Königsberg (heute Kaliningrad in Russland, damals gehörte die Stadt zu Ostpreußen) in bescheidenen Verhältnissen auf. Mit 16 Jahren begann sie sich politisch zu engagieren. Für ihre Ausbildung zur Sekretärin ging sie 1912 durch Vermittlung einer Wohltätigkeitsorganisation nach London, wo sie erstmals in Berührung mit der Frauenbewegung kam. 1914 lernte Gordon über einen Briefwechsel Clara Zetkin kennen, für die sie in den 1920ern als Sekretärin tätig wurde und trat 1915 in die SPD ein. Während des Ersten Weltkrieges betätigte sich Gordon antimilitaristisch, seit 1917 war sie Aktivistin in der Oktoberrevolution in ihrer Geburtsstadt und wurde Anfang des Jahres 1918 wegen „pazifistischer Propaganda“ verhaftet.
Sechs Monate später wurde sie durch Vermittlung Zetkins und der sowjetischen Botschaft aus der Haft in Holzminden nach Moskau in die Sowjetunion geholt und arbeitete bis zum Ende des ersten Weltkrieges als Sekretärin für den polnisch-jüdischen Politiker und Journalisten Karl Radek. Während der Zeit heiratete sie den deutschen Kommunisten Hermann Osterloh zum Schein, um ihre Arbeit zu tarnen.
Während ihrer Arbeit für Zetkin lernte sie ihren späteren Ehemann Jacob Walcher, der den Gründungsparteitag der KPD 1918/1919 geleitet hatte, kennen und lieben. Nach ihrer Zeit bei Zetkin arbeitete sie am Institut für Marxismus-Leninismus des Zentralkomitee der KPdSU in Moskau und an der sowjetischen Handelsvertretung in Berlin. Wegen ihrer zahlreichen Reisen zwischen Berlin und Moskau war sie eine der wichtigsten Verbindungspersonen.
Wegen Kritik an der KPD-Parteiführung im Hinblick auf die Sozialfaschismustheorie wurden beide 1928 aus der Partei ausgeschlossen. Mit Herbert Frahm (besser bekannt als Willy Brandt) gehörten sie Anfang der 1930er Jahre zu den Mitbegründer:innen der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP).
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen änderten sich auch für Hertha Gordon die Lebensbedingungen. Als Jüdin verfolgt und als politisch aktive Frau bereits steckbrieflich gesucht, floh sie zunächst nach Frankreich, danach in die USA. Hier heiratete sie 1941 Jacob Walcher. Auch im Exil betätigte sie sich widerständig und unterstützte andere Exilant:innen. Hertha Gordon leitete unter anderem das Auslandsbüro der SAP in Paris. Nach dem Ende des Kriegs kehrten Hertha und Jacob Walcher 1946 nach Berlin zurück und lebten in Hohenschönhausen. Wie ihr Mann engagierte sich Gordon-Walcher beim Aufbau der DDR. Sie war Mitglied der SED, im deutschen Demokratischen Frauenbund und bis zu ihrer Auflösung in Ost-Berlin 1953 auch in der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, anschließend auch im Komitee der antifaschistischen Widerstandskämpfer. Trotz ihrer gehobenen Situation und ihrem Engagement gerieten beide immer wieder in Konflikt mit der SED-Leitung und wurden 1951 aus der Partei ausgeschlossen, später zwar wieder rehabilitiert.
Als Jüdin:Jude und Westemigrant:innen hatten sie einen schweren Stand und wurden politisch isoliert, mehrfach drohte ihnen auch die Verhaftung. Dennoch standen sie in Kontakt mit Politiker:innen, Intellektuellen und Künstler:innen im In- und Ausland, darunter u.a. Willy Brandt, der ihnen wegen der drohenden Verhaftung in der DDR eine sichere Einreise nach West-Berlin zusicherte, aber auch Helene Weigel.
Nach Jacob Walchers Tod 1970 weigerte sich Hertha erfolgreich, seinen gesamten Nachlass an das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED zu übergeben. Verhindern konnte sie nicht, dass das ZK über die Grabstätte Jacobs entschied. Gegen ihren Willen wurde Jacob Walcher in der Grabanlage Pergolenweg auf dem Friedhof Friedrichsfelde bestattet. Nach ihrem Tod wurde sie neben ihrem Mann beigesetzt. 2023 veröffentlichte ihre Freundin Regina Scheer, die Hertha Gordon-Walcher bereits seit Kindheitstagen kannte, einen historischen Roman über sie, der 2023 auf der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik ausgezeichnet wurde.
Quellen:
- Regina Scheer: Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution. Berlin 2023.
- Nachlass von Jacob und Hertha Walcher im Bundesarchiv, NY 4087
- Sabine Kebir, „Der patriarchalen Erinnerungskultur entrissen: Hertha Gordon-Walcher. Eine Rezension von „Bittere Brunnen. Hertha Gordon-Walcher und der Traum von der Revolution“ „, in: Deutschland Archiv, 12.12.2023, Link: bpb.de/543604.
[1] Hertha Gordon-Walcher im Gespräch mit Regina Scheer. Zit. nach: Regina Scheer: Bittere Brunnen. S. 142
Dieser Beitrag ist Teil des Projekts Widerständige Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg des Runden Tisches für Politische Bildung Lichtenberg in Kooperation mit der Zeithistorikerin Trille Schünke-Bettinger (Antifaschistinnen aus Anstand & Netzwerk Frauentouren) und Fritzi Jarmatz (Visuelle Kommunikation & Ideenräume).
Text & Recherche: Trille Schünke-Bettinger
Grafik: Fritzi Jarmatz