Am Sonntag, 15.2.2025 wurden in Lichtenberg am Stadtpark 12 fünf Stolpersteine verlegt: Für Erna Segal, geb. Klahr, Aron Segal, Hugo Segal, Gerda Segal, verh. Weiss und Manfred Segal. Es war eine sehr bewegende Veranstaltung, da Michelle Segal, Manfred Segals Tochter, mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern aus den USA angereist war, um bei der Stolpersteinverlegung zugegen zu sein. Mehr als 60 Personen haben die Veranstaltung besucht, bei der es mehrere Redebeiträge gab, u.a. von Michelle Segal. Im Anschluss an die Stolpersteinverlegung ergaben sich zahlreiche interessante Gespräche zwischen den Angehörigen, Anwohnenden und Kundgebungsteilnehmenden. Familie Segal wurden die vom AK Stolperstein zusammengetragenen Recherchen über ihre Familienmitglieder auf Englisch übergeben, ein Original eines Passierscheins von Michelles Vater Manfred Segal, der vom AK Stolpersteine bei den Recherchen in einem Archiv gefunden wurde und auch die Postkarten und Bildungsmaterialien zu widerständigen Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg, in denen auch Erna und Gerda Segal und ihr Überleben im Untergrund in Lichtenberg porträtiert werden.
Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und kann im Licht-Blicke Podcast #19 nachgehört werden.
Die Broschüre zur Stolpersteinverlegung mit Recherchen über Familie Segal kann hier auf deutsch heruntergeladen werden und hier auf englisch.
Redebeitrag von Michelle Segal bei der Stolpersteinverlegung (deutsche Übersetzung)
Ich heiße Michelle Segal und ich bin die Tochter von Manfred Segal. Mein Ehemann Todd ist hier und meine Kinder, Max und Mira. Max‘ mittlerer Name ist Aron, wie mein Großvater. Irgendwie wusste ich, dass ich nicht noch einen Sohn bekommen würde. Sein hebräischer Name ist Hershel, was Hugos hebräischer Name war. Also ist er nach beiden benannt. Zwei Menschen denen hier gedacht wird, Aron und Hugo Segal. Das ist meine Tochter Mira. Sie ist nach der ältesten Schwester meiner Großmutter benannt, nach Miriam, die von all ihren Geschwistern sehr geliebt wurde. Sie waren sieben Geschwister.
Es ist wunderschön und großartig, dass meine Familie hier auf diese Weise geehrt wird. Mein Vater und meine Großmutter haben so viel darüber geredet, wie sehr sie diese Wohnung hier geliebt haben. Sie haben Berlin geliebt und sie haben Deutschland geliebt. Mein Vater hat davon erzählt, wie sehr er es mochte, hier im Park spazieren zu gehen und mit seinem Rad zu fahren. Sie haben sehr schöne Erinnerungen an ihr Leben hier vor dem Krieg.
Mein Vater hat mir eine lustige Geschichte aus der Zeit nach dem Krieg erzählt. Sie hatten zwei Jahre im Untergrund gelebt. Als der Krieg vorbei war, sind sie zum Wohnungsamt gegangen. Dort wurden sie gefragt: Wo wollen Sie wohnen? Nach zweieinhalb Jahren ohne ausreichend Nahrung, kaum Wohnraum, waren sie total verblüfft von der Frage „Wo wollen Sie wohnen?“. Und sie wussten nicht, wie sie darauf antworten sollen. Sie schwiegen. Schließlich sagte einer von beiden, und sie wissen nicht mehr genau wer es war: Lass uns in der Nachbarschaft wohnen, in der wir früher gewohnt haben. In Lichtenberg. Das Wohnungsamt hat für sie eine Wohnung gleich hier um die Ecke gefunden. Parkaue 35, wir laufen dort nach der Stolpersteinverlegung hin. Nach dem Krieg haben sie sich also entschieden wieder hierher zurück zu kommen. Weil sie diese Gegend so sehr mochten. Als sie im Untergrund lebten war es sehr hart für sie, dass sie nicht hierherkommen konnten. Hier waren sie mit so vielen Menschen befreundet, aber wenn sie hier her gekommen wären hätte sie jemand als jüdisch erkennen und verraten können. Bei der ersten Möglichkeit, die sich ihnen bot, sind sie aber sofort zurückgekommen.
Mein Vater hat mir gesagt, dass er sich jeden Tag seines Lebens gefragt hat, warum er am Leben ist und warum sein Bruder gestorben ist und warum so viele andere Onkel und Tanten starben und warum seine Großmutter starb. Er hat sich mit der Antwort sehr schwer getan. Er wusste nicht warum. Aber manchmal dachte er, vielleicht sollte ich leben, damit die Menschen meine Geschichte erzählen und etwas aus ihr lernen. Also möchte ich mich bei allen hier bedanken, die so viel über meine Familie wissen und die so viel über meine Familie recherchiert haben. Ich denke er wäre begeistert gewesen, dass seine Geschichte erzählt und erinnert wird. Und meine Großmutter auch.
Vielen Dank.
Gespräch mit Michelle Segal im Anschluss an die Stolpersteinverlegung (deutsche Übersetzung)
Ich spreche jetzt mit Michele. Du bist die Tochter von Manfred Segal, richtig?
Ja, das ist richtig.
Wir haben gerade dieses Gedenken für deine Familie veranstaltet. Würdest du mit uns teilen, wie das für dich war?
Oh, die Zeremonie war schön. Vor etwa eineinhalb Jahren war ich hier in Berlin, um über meine Familie zu recherchieren und ich habe zufällig jemanden getroffen, der mir von den Stolpersteinen erzählt hat. Die Person hat mich ermutigt, die Stolperstein-Organisation zu kontaktieren und zu arrangieren, dass meine Familie auf diese Weise geehrt wird. Und ich bin so dankbar. Das war ein zufälliges Treffen, ich hatte noch nicht von den Stolpersteinen gehört. Ich habe der Organisation gemailt und sofort eine Antwort von Dagmar bekommen. Sie hat den ganzen Prozess vorangebracht. Ich bin so beeindruckt von der Arbeit, die sie geleistet haben beim Zusammentragen der Informationen über meine Familie. Ich denke sie haben ein Team von Freiwilligen, die wirklich großartige Arbeit geleistet haben. Ich war nicht so sehr in den Prozess involviert. Sie haben mich ab und zu hinzugezogen aber die meisten Recherchen haben sie gemacht und sie dann mit mir geteilt. Ich bin so glücklich, ein Teil davon zu sein. Sie waren wirklich, wirklich großartig.
Was bedeutet es für dich, dass es jetzt diese Stolpersteine gibt?
Ich denke meine Familie hatte eine sehr schwierige Zeit, vor allem während der zweieinhalb Jahre in denen sie in Berlin im Untergrund lebten. Und es war sehr wichtig für sie, dass ihre Geschichte gehört wird. Vor allem meine Großmutter und mein Vater waren sehr besorgt, dass so etwas noch einmal passieren könnte. Und sie dachten, das einzige was sie tun könnten wäre, ihre Geschichte zu erzählen, sodass die Menschen vielleicht etwas daraus lernen und dass sie so einen Beitrag dazu leisten könnten, dass so etwas nie mehr passiert.
Die Tatsache, dass wir alle heute hier zusammengekommen sind und ihre Geschichten gehört haben, ich denke das wäre sehr wichtig und bedeutungsvoll für sie. Sie wären so dankbar, dass so viele Menschen involviert waren, die sich die Zeit genommen haben, das Buch meiner Großmutter zu lesen, das es gibt und das ich allen Leuten mailen kann, die wollen (lacht). Mein Vater hat mir oft Geschichten erzählt über sein Leben im Untergrund in Berlin. Und er wollte, dass ich seine Geschichte weitererzähle. Und meine Großmutter wollte, dass ich ihre Geschichte weitererzähle. Sie wollte sogar, dass ich ein Buch schreibe. Das habe ich nicht gemacht. Aber diese Stolpersteine sind ein erster Schritt, Menschen wissen zu lassen, was sie alles durchgemacht haben. Ein Anwohner, der in dem Haus wohnt, in dem sie früher gewohnt haben, ist rausgekommen, hat sich der Gedenkkundgebung angeschlossen und hat sich ihre Geschichten angehört. Das hätte sie so bewegt. Sie wären so begeistert gewesen, dass Menschen in ihrer alten Nachbarschaft jetzt wissen, was sie erleben mussten. Ich bin sehr bewegt und dankbar.
Wie sollen wir deine Familie in Erinnerung behalten?
Ich bewundere ihre Stärke, ihren Mut und ihre Entschlossenheit am Leben zu bleiben. Ich hoffe, dass die Menschen sich deswegen an sie erinnern werden. Ich weiß, dass ich oft an sie denke und mich frage, ob ich die Kraft gehabt hätte zu tun, was sie getan haben. So wünsche ich mir, dass sie in Erinnerung behalten werden.
Vielen Dank!
Sehr gerne.
