Am Freitag, den 16.5.25 fand der letzte der drei Stadtspaziergänge mit der Zeithistorikerin Trille Schünke-Bettinger rund um den 80. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus statt, und zwar in Rummelsburg zum Thema „Die Sportlerinnen Käthe und Klara Tucholla und Brunhilde Prelle im Arbeiter:innenwiderstand“. Wie viele Berliner Arbeiter:innenviertel war Rummelsburg in der Weimarer Republik eine Hochburg der organisierten Arbeiter:innenbewegung. Neben den Parteien gehörten dazu auch Arbeiter:innensportvereine wie „Sparta Lichtenberg“ oder auch der „ASV Fichte“. Wie auch die letzten beiden Spaziergänge war auch dieser wieder sehr gut besucht.


Türrschmidtstraße: Museum Lichtenberg
Die Führung startete vor dem Museum Lichtenberg, wo die Zeithistorikerin Trille Schünke-Bettinger zum inhaltlichen Einstieg einiges über die Rolle von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus erzählte. Etwa 1/3 der Berliner Widerständigen waren Frauen, sie kamen aus allen Schichten und hatten unterschiedliche politische und religiöse Hintergründe, wobei ein Großteil aus der Arbeiter*innenbewegung kam, was auch zusammen mit dem Arbeiter*innensport der Fokus dieses Spaziergangs war. Frauen führten vielfältige Tätigkeiten in ihren Netzwerken aus: Erstellung und Verteilung von Flugblättern, Unterstützung von Verfolgten, Kurierdienste, Schreibarbeiten, Weitergabe von Informationen bis hin zur Beteiligung an Staatsumsturzversuchen und Attentaten. Die Rolle von Frauen im Widerstand ist bis heute weniger präsent als die von Männern, wobei sich dies durch Ausstellungen, Bücher und Filme (bspw. „In Liebe, Eure Hilde“) langsam ändert.
Während widerständige Frauen häufig noch keine öffentliche Ehrung erfahren und das paritätische Verhältnis von männlichen und weiblichen durch Straßennamen Geehrten in Lichtenberg noch bei 5:1 liegt, wird manch ein vergebener Straßenname heute jedoch auch kritisch gesehen. Zwei der Straßen hier in der Umgebung werden auch in einem Dossier mit Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen genannt, das vom Antisemitismusbeauftragten von Berlin in Auftrag gegeben wurde: Die Eitelstraße und die Hauffstraße. Die Hauffstraße ist benannt nach dem Schriftsteller Wilhelm Hauff (1802-1827), der in einigen seiner Schriften antijüdische Klischees bediente. Seine Novelle ‚Jud Süß‘ wird als Meilenstein des Frühantisemitismus bezeichnet. Außerdem gibt es in Tempelhof-Schöneberg ebenfalls eine Wilhelm-Hauff-Straße, womit es sich um eine zu vermeidende Doppelbenennung handelt.
Gedenken in Lichtenberg: Tucholla-Platz (seit 1951)
Direkt an das Museum grenzt der Tuchollaplatz, seit 1951 benannt nach dem Ehepaar Felix und Käthe Tucholla. Beide waren im Arbeitersportverein Fichte in Lichtenberg aktiv, wo sie sich auch kennen- und liebenlernten und in der Kaskelstraße wohnten. Beide stammten aus dem Kiez. In der Türrschmidtstraße 17 lebte Klara Tucholla (1893-1978), eine Schwester von Felix Tucholla. Von Beruf Kinderkrankenschwester im Oskar-Ziethen-Krankenhaus in Lichtenberg, engagierte sie sich zusammen mit ihrem Bruder, ihrer Schwester Frieda Nielebock, geb. Tucholla und ihrer Schwägerin Käthe im Widerstand und vermittelte geheime Treffen. Ende Juli 1942 wurde Klara Tucholla wegen des Verdachts auf „Hochverrat“ von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) festgenommen und erst für drei Monate im Polizeipräsidium am Alexanderplatz inhaftiert, anschließend für vier Monate im Frauengefängnis Kantstraße Charlottenburg und im Gefängnis Moabit. 1943 wegen Haftunfähigkeit kurzzeitig entlassen, wurde sie anschließend bis Ende April 1945 im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück festgehalten. Dort erlebte sie die Befreiung des Konzentrationslagers und kehrte anschließend schwer gezeichnet von der Haft nach Berlin zurück. Ihren Beruf konnte sie nicht mehr aufnehmen.
Für die Ehrung Käthe Tuchollas setzte sich auch Hildegard Goerlich, geb. Feuchert (1916-?), ein. Die Arbeitersportlerin und Jungkommunistin lebte Mitte der 1930er Jahre in Neukölln und Hohenschönhausen. Seit 1939 mit ihrem Mann verheiratet, bekam sie mit ihm drei Kinder, zwei noch in der NS-Zeit. Goerlich engagierte sich seit 1933 im Widerstand in verschiedenen Gruppen durch das Weiterleiten von Briefen und die Beschaffung von Quartieren für Verfolgte. Über die Zeit nach der Machtübertragung berichtete sie in einem Zeitzeuginnengespräch mit ihrer Schwester Käte Schmid, geb. Feuchert: „Als die Nazis an die Macht kamen, da mussten wir raus aus den Turnhallen. Wir haben noch versucht, die Geräte rauszuschaffen. Zusammen mit einem Fichtesportler habe ich als Liebespaar getarnt draußen Schmiere gestanden. Wir haben uns weiter illegal getroffen und versucht, in bürgerlichen Sportvereinen unterzuschlüpfen. Zur konspirativen Arbeit haben wir Dreiergruppen gebildet.“
1935 wurde sie erstmals festgenommen und bis Ende der 1930er Jahre im Frauengefängnis Barnimstraße inhaftiert. Deswegen konnte sie ihre Ausbildung erst nach der Freilassung beenden und arbeitete anschließend in verschiedenen Betrieben als Buchhalterin.

Foto (aus 2024): Hildegard Goerlich über dem Foto von Käthe Tucholla am 27. Januar 1983.
Kaskelstraße 41: Wohnhaus von Käthe und Felix Tucholla
In der Kaskelstraße 41 lebte das Ehepaar Tucholla, nach denen der Tuchollaplatz benannt ist. Beide waren im Arbeitersport aktiv und engagierten sich ab 1933 im Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Im Februar 1942 verhaftet, wurden beide im September 1943 ermordet. Käthe Tucholla, geb. Scheffler (1910-1943), stammte aus einer Lichtenberger Arbeiterfamilie und wuchs im Kaskelkiez auf. Ihre Eltern Alfred und Helene betrieben ein Lokal in der heutigen Kaskelstraße, welches ein Treffpunkt der KPD und des Arbeitersportes war. Käthe arbeitete nach dem Schulbesuch als Sekretärin. In ihrer Freizeit spielte sie Hockey im Arbeitersportverein Sparta Lichtenberg und engagierte sich als Funktionärin der Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit (KGRS). Hier waren auch Hans Zoschke und Brunhilde Prelle sowie Werner Seelenbinder und Erwin Nöldner aktiv. Über den Arbeitersportverein lernte sie ihren späteren Mann, den Kommunisten und Arbeitersportler Felix Tucholla (1899-1943), kennen, der dort Fußball spielte. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten engagierten sich beide zusammen im Widerstand in einem Kreis ehemaliger Arbeitersportler:innen. Auch ihre Schwägerinnen Frieda Nielebock und Klara Tucholla waren in der Gruppe aktiv. Käthe Tucholla betätigte sich als Kurierin und transportierte illegales Material auch in andere Städte, verbreitete Flugblätter in Berlin und unterstützte Verfolgte durch die Beschaffung geheimer Unterkünfte und Lebensmittel. Ab 1939 hatte der Kreis auch Kontakte zur Uhrig-Gruppe. Darüber hatten sie Kontakte zu dem Fallschirmspringer Erwin Panndorf, den sie nach seiner Ankunft in Berlin versteckten und in dessen Auftrag Käthe Tucholla Mitte Juli nach Meerane in Sachsen reiste, um Kontakte zu anderen Widerständigen herzustellen. Dort wurde sie am 25. Juli 1942 von der Gestapo festgenommen, in das Polizeigefängnis am Alexanderplatz gebracht und dort verhört. Auch Felix Tucholla wurde verhaftet. Beide wurden am 17. August 1943 vom Volksgerichtshof (VGH) zu Tode verurteilt. Nach dem Urteil wurde Käthe Tucholla bis zur Vollstreckung des Urteils im Frauengefängnis in der Barnimstraße inhaftiert. Da bereits Bomben auf Berlin fielen, wurde die Vollstreckung von beiden immer wieder verschoben. Felix Tucholla wurde am 8. September 1943 in den „Blutnächten von Plötzensee“ ermordet. Käthe Tucholla wurde am 28. September 1943 im Alter von 33 Jahren in Plötzensee enthauptet. 1953 wurde eine erste Gedenktafel am Haus angebracht, welche 2006 entfernt wurde. Deswegen erinnert seit 2013 vor dem Haus eine Gedenkstele an Felix und Käthe Tucholla, die auch eine Replik der ursprünglichen Gedenktafel zeigt.
Lückstraße 20: Zwangsarbeitslager
In der Lückstraße 20 befand sich während des Zweiten Weltkriegs eines der über 3000 Berliner Zwangsarbeitslagern. Hier waren neben Männern und Frauen auch Kinder aus Frankreich, Italien, Polen und dem heutigen Weißrussland unterbracht.
Von 1938 bis 1945 mussten etwa 13 Millionen Menschen aus fast allen Teilen Europas Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft leisten. Von weiteren 13 Millionen Zwangsarbeitenden in den von den Deutschen besetzten Gebieten geht die Forschung aus. Zu den ersten Gruppen gehörten Deutsche: Jüdinnen und Juden, Sinti:zze und Rom:nja sowie als „asozial“ stigmatisierte Personen. Nach Kriegsbeginn folgten Zwangsarbeitende aus den besetzten Gebieten. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion stieg die Anzahl drastisch an und Zwangsarbeit gehörte als Massenphänomen zum Kriegsalltag der Deutschen. 1944 war jeder fünfte Arbeitnehmer in der deutschen Kriegswirtschaft ein:e Zwangsarbeiter:in.
In Berlin mussten etwa 600.000 Menschen Zwangsarbeit in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbereichen leisten: Rüstungsproduktion, Lebensmittelbetriebe, Beseitigung von Kriegsschäden, in Privathaushalten.
Die Lebensbedingungen von zivilen Zwangsarbeitenden unterschieden sich nach der Herkunft und Geschlecht. Westeuropäer:innen waren etwas besser gestellt als Osteuropäer:innen, welche nach der NS-Ideologie als „Untermenschen“ und damit weniger lebenswert, galten. So bekamen die Einen etwas mehr Gehalt und durften ihre Lager außerhalb der Arbeitszeiten häufig frei verlassen, während die anderen weniger Gehalt bekamen und die Lager meistens nicht verlassen durften, keinen Hobbys nachgehen durften und mehr Diskriminierung ausgesetzt waren. Frauen waren den gleichen Bedingungen ausgesetzt wie Männer, doch unterlagen sie auch geschlechterspezifischer Gewalt durch sexuelle Übergriffe durch u.a. Wachpersonal. Weil ihre Arbeitskraft weniger galt, erhielten sie auch weniger Gehalt als Männer.
In der Datenbank über Berliner Zwangsarbeitslager des NS Dokumentationszentrums in Schöneweide sind alle bisher ermittelten Standorte dokumentiert: https://www.ns-zwangsarbeit.de/de/recherche/lagerdatenbank/
Fischerstraße 15: Sportplatz des Sparta Lichtenberg

In der Fischerstraße 15 liegt heute noch der Sportplatz von Sparta Lichtenberg. Seit 1924 mit dem Arbeitersportverein Fichte, Abteilung Ost fusioniert, gehörte er damit zum größten Arbeitersportverein der Weimarer Republik mit vielen Sportsparten: Neben Leichtathletik, Boxen, Ringen, Fußball, Handball gab es auch Radfahren, Wandern und verschiedene Wassersportarten. Nach der Machtübertragung wurde auch der ASV Fichte von den Nazis Mitte Juli 1933 zwangsaufgelöst und das Vereinsvermögen beschlagnahmt. Darauf waren die Vereinsmitglieder vorbereitet: Sie versuchten, die Geräte, sofern möglich, zu verschenken. Wenn dies nicht möglich war, zerstörten sie diese, wie z.B. ihre Sportplätze. Außerdem wurde ein Großteil der Mitgliederlisten verbrannt, sodass eine Neuorganisierung und bürgerlichen Sportvereinen möglich war. Alfred Wittig 1996: „Fichte 10 war stark, es gab drei Frauen-, zwei Männer- und eine Kinderabteilung (…) Nach dem Verbot der Arbeitersportbewegung – üblerweise lief der Turnwart einer Mädchenabteilung zu den Nazis über – trafen wir uns zur illegalen 1.-Mai-Feier in der Laubenkolonie an der Wolfgangstraße, Sportverein Grün-Weiß. Die gesinnungstreuen Fichtesportler kamen danach bei verschiedenen Gruppen unter. Der größte Teil – etwa sechzig bis achtzig Personen – ging zunächst zum Verein Grün-Weiß und danach zum HSV 1910, der Hohenschönhausener Sportvereinigung. Eine kleinere Gruppe von Fichte 10, darunter Fritz Riedel und Alfred Neumann (sowie später Kurt Ritter mit seinem Freund Heinz Neth*) stieß zu den Lichtenberger Freunden um Erich Neumann vom Sportverein ,Rekord‘.“
In dem Sportverein hier aktiv waren neben Käthe und Klara Tucholla auch Brunhilde Prelle, geb. Zoschke und Rosa Kahn, geb. Hütterer. Brunhilde Zoschke wurde 1911 in Landsberg an der Warthe geboren. Ihre alleinerziehende Mutter Maria zog 1914 mit Hilde und ihrem älteren Bruder Hans nach Lichtenberg. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete Hilde Zoschke als Näherin, anschließend als Arbeiterin in verschiedenen Betrieben. Mit 18 Jahren heiratete sie Kurt Prelle und bekam mit ihm einen Sohn. 1932 ließ sie sich wieder scheiden, der Sohn wuchs beim Vater auf. Hilde Prelle besuchte Abendkurse und arbeitete als Kontoristin und Telefonistin. Anfang der 1940er Jahre lebte sie in Lichtenberg in der Wartenbergstraße 33. Mit ihrem Bruder Hans Zoschke war sie schon früh im Arbeitersport aktiv und kannte daher unter anderem vermutlich Käthe Tucholla, Werner Seelenbinder, Fritz Riedel und Martha Butte. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten engagierte sich Hilde Prelle im Widerstand. Sie verbreitete illegale Schriften und sammelte Informationen. Sie hielt weiter Kontakt zu früheren Freund*innen aus dem Arbeitersport und gehört mit ihrem Bruder der Widerstandsgruppe um Beppo Römer, Fritz Riedel und Martha und Fritz Butte an. Hier war sie beteiligt an der Herstellung illegaler Schriften wie dem Informationsdienst, der ab 1940 monatlich erschien. Mehrfach fanden geheime Treffen bei ihr in der Wohnung statt. Sie versteckte auch Alfred Kowalke bei sich in der Wohnung in Lichtenberg, mit dem sie eine Beziehung hatte. Nachdem die Verhaftungswelle gegen die Gruppe Anfang Februar 1942 begann, wurde auch Hilde Prelle Ende April 1942 verhaftet und in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück gebracht. Dort musste sie Zwangsarbeit in der Schneiderei leisten. Auch dort leistete sie Widerstand, wie Mithäftlinge später berichteten. Ende Juli 1943 wurde sie aus Ravensbrück entlassen, kehrte nach Berlin zurück, wurde aber bereits Ende Januar 1944 erneut festgenommen und bis zum Prozess gegen die Gruppe im Gefängnis in Landsberg an der Warthe inhaftiert. Im Prozess wurde sie aus Mangel an Beweisen freigesprochen, während sowohl ihr Bruder Hans als auch Alfred Kowalke zum Tode verurteilt wurden. Anfang Mai 1944 wurde sie schwer erkrankt aus der Haft entlassen und kehrte nach Berlin zurück.
Ihre frühere Schwägerin Elfriede Zoschke berichtete über sie: „Zwischen November 1941 und Anfang 1942 wohnte Alfred Kowalke auch zeitweise bei uns, Revaler Straße 32. Hans, Seelenbinder und Kowalke schleppten ein Klavier in unsere Wohnung. Letztgenannter blieb dann einfach hier, seine Sachen waren im Instrument versteckt. Seinen Namen erfuhr ich nicht, selbst als ich nachbohrte, gab Hans den Fremden als einen gewissen Schwarz und alten Seemannsfreund aus. Ich wunderte mich schon über alles, denn er war nicht immer bei uns, hatte seine Tour. Bei Hans‘ Schwester Brunhilde Prelle, Wartenbergstraße 33, besaß er ein Ausweichquartier, war auch mit ihr liiert. Nachdem im April 1942 auch Brunhilde festgenommen worden war, konnte er nicht mehr dorthin. (Mein Hans war schon am 4. Februar verhaftet worden.) Ich traf Alfred Kowalke dann eines Tages im Bhf. Ostkreuz und sagte leise im Vorbeigehen zu ihm. Bei uns ist Gestapo gewesen‘. Er machte sich daraufhin schnell mit dem Zug davon. Als ich einen Koffer mit Wäsche zu Verwandten Kowalkes brachte, erfuhr ich, daß man seinen Vater Karl Kowalke [seit dem 4. Februar 1942] als Geisel genommen hatte.“ Seit 2017 erinnert vor dem Haus in der Wartenbergstraße 33 ein Stolperstein an Brunhilde Prelle.
Rosa Kahn (1909-1999) wurde in Oświęcim (Auschwitz) geboren und hatte zehn Geschwister, ihr Vater war Weinhändler und Fabrikbesitzer. Nach dem Besuch der Volksschule in Polen besuchte sie eine jüdische Mittelschule in Berlin und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur Schriftsetzerin. 1928 begann sie, sich im kommunistischen Jugendverband zu engagieren, 1930 in der KPD und dem Arbeitersportverein Fichte sowie der Internationalen Arbeiterhilfe und Roten Hilfe Deutschland. Im KJVD war sie als Funktionärin aktiv und leitete eine Gruppe in Lichtenberg. Seit 1932 war sie mit dem jüdischen Kommunisten Siegbert Kahn (1909-1976) verheiratet, den sie über gemeinsame Aktivitäten kennengelernt hatte. Im gleichen Jahr hat sie ihre Arbeit als Schriftsetzerin verloren. Seit 1933 lebte sie in Lichtenberg im Archibaldweg 9 (damals Ostbahnstr.). Ab 1933 leistete Rosa Kahn mit ihrem Mann Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Sie war als Kurierin aktiv und an der Vervielfältigung illegaler Literatur beteiligt. Bereits Anfang November 1933 erstmals verhaftet, wurde sie bis Ende März 1934 im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, im Frauengefängnis Barnimstraße und im KZ Moringen in „Schutzhaft“ genommen. Bei der Verhaftung war sie schwanger, wegen bevorstehender Entbindung ihres Sohnes Gerhard wurde sie entlassen. Nach ihrer Entlassung engagierte sie sich erneut mit ihrem Mann in einem Freundeskreis um Hans und Carmen Fruck und unterstützte Angehörige politisch Inhaftierter. Wegen der wachsenden Bedrohung vor erneuter Verhaftung emigrierte sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn zunächst nach Prag und im April 1939 nach London. Dort arbeitete sie in einer Fabrik und engagierte sich in der Freien Deutschen Bewegung und im Freien Deutschen Kulturbund. Im August 1946 kehrten die Kahns nach Berlin zurück.
Eitelstraße: Problematische Benennung

Die letzte Station war an der Ecke Eitelstraße/Sophienstraße im Weitlingkiez. Die Eitelstraße ist benannt nach dem Soldaten und Generalmajor Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl von Preußen (1883-1942), zweitältester Sohn des Kaisers Wilhelm II. Zu Beginn der Weimarer Republik wurde Eitel Friedrich Mitglied im national-monarchistischen Bund der Aufrechten und aktiv im antisemitischen Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten. Zudem gehörte er zu den Mitbegründern der 1931 ins Leben gerufenen antisemitischen Harzburger Front.
In der Nähe lebten und wirkten seit Anfang der 1950er Jahre die Widerstandskämpferinnen und Schwestern Anna Rathmann (1902-1992) und Gertrud Rosenmeyer (1904-1982. Anna Rathmann und Gertrud Rosenmeyer stammten aus einer Neuköllner Arbeiterfamilie. Ihre Eltern und ihre jüngste Schwester starben früh, alle drei an Tuberkulose, ihr Vater Karl 1909, ihre Mutter Auguste 1919, auch ihre Schwester Lieschen 1925. Nach dem Tod der Mutter arbeitete Gertrud zunächst als Dienstmädchen, bis die Schwestern gemeinsam ein Zimmer bei den Eltern einer Schulfreundin mietete und als Montiererin arbeitete. 1923 trat sie in den Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) und die KPD ein, engagierte sich in der Roten Hilfe in Neukölln. Sie berichtete später selbst, dass sie sofort als führende Funktionärin in der Partei wirkte. Ihre Tätigkeiten waren nur unterbrochen durch Krankenhausaufenthalte aufgrund ihrer 1925 beginnenden Tuberkulose-Erkrankung. Nach der Machtübertragung an die Nazis organisierte Gertrud Rosenmeyer zusammen mit ihrer Schwester den Aufbau der illegalen Strukturen der KPD in Neukölln, verbreitete Flugblätter, gab geheime Informationen weiter, wirkte als Verbindungsfrau, unterstützte Verfolgte und wurde bereits 1933 erstmals kurzzeitig inhaftiert. Bis 1935 musste sie ihre Aktivitäten aufgrund ihrer Erkrankung ruhen lassen. Dann arbeitete sie als Montiererin in einer Fabrik in Tempelhof und setzte ihre illegale Arbeit dort fort. Über Ursula Goetze, mit der sie bereits seit Beginn der 1930er Jahre befreundet waren, hatten die Schwestern ab 1940 Kontakte zur Roten Kapelle, waren auch von ihr in die Klebezettelaktion am 17. Mai 1942 eingeweiht, ab 1941 zur Uhrig-Römer-Gruppe und später zum Kreis um Franz Jacob und Anton Saefkow. Trotz mehrfacher Verhöre und Verhaftungen – 1935 und 1942 beide kurzzeitig inhaftiert – gelang es der Gestapo nie, ihnen ihre illegalen Tätigkeiten nachzuweisen. Es gelang insbesondere Gertrud immer, für alle Treffen private Gründe anzugeben. Durch ihr konspiratives Handeln schützte sie viele Freund:innen vor Verhaftungen. 1944 kam es zu einem Treffen zwischen ihr und Anton Saefkow. Sie lehnte eine Beteiligung aus konspirativen Gründen ab. Bis Kriegsende leistete sie Widerstand und unterstützte politisch und rassistisch Verfolgte wie Gerhard Danelius. Nach der Befreiung war sie Vorsitzende der KPD in Neukölln, bis sie mit ihrer Schwester nach Ost-Berlin zog. In Lichtenberg arbeitete sie als Kreisleitung der SED, musste sich aber mehreren Parteikontrollverfahren unterziehen und fertigte dafür einen Lebenslauf an. Gertrud Rosenmeyer starb am 16. September 1982 in Lichtenberg.
Am Ende des Stadtspaziergangs wurden die neuen Postkarten zu widerständigen Frauen gegen den Nationalsozialismus in Lichtenberg und Orten, an denen sie gewirkt haben, verteilt.

Quellen und Lesehinweise
- Hans-Rainer Sandvoß: Widerstand in Friedrichshain und Lichtenberg.
- Ursel Hochmuth: Illegale KPD und freies Deutschland.
- Antifaschistinnen aus Anstand – Digitales Projekt zur Erinnerung an Berliner Widerstandskämpferinnen: frauen-im-widerstand.de